Ein Cartoon zeigt 5 Personen unterschiedlicher Religionen. Jeder behauptet, die echte Wahrheit zu besitzen. MG

Vielfalt erleben

Geistlicher Impuls für Juni 2026

von Landespolizeipfarrer Dr. Michael Grimm


In der Kantine zeigen sich die Unterschiede

In der IT-Abteilung einer großen Behörde arbeiten Muslime, Hindus, Juden, Christen und Konfessionslose zusammen. Das Team beschließt, jeden Freitag gemeinsam in der Kantine zu essen, um den Zusammenhalt zu stärken. Doch das Gegenteil ist der Fall, denn am gemeinsamen Tisch treten vor allem die Unterschiede zwischen den Einzelnen hervor.

Der muslimische Kollege achtet darauf, dass das Fleisch halal ist und verzichtet strikt auf Alkohol. Im Monat Ramadan fastet er tagsüber komplett und sitzt in der Mittagspause ohne Essen und Trinken in der Runde. Die jüdische Kollegin hingegen ernährt sich koscher, trennt Milch- und Fleischprodukte strikt und bringt sich deshalb ihr eigenes Essen von zu Hause mit, da die Kantine diese Trennung nicht garantieren kann. Der Hindu lebt vegetarisch, da ihm das Prinzip der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) gegenüber allen Lebewesen zentral ist. Und die christliche Kollegin verzichtet freitags auf Fleisch und wählt das Fischgericht.

Es knirscht am Tisch

Einige konfessionslose Mitarbeiter sind immer wieder genervt von den religiösen Sonderwünschen: „Es ist doch nur ein Stück Fleisch – warum macht ihr daraus so eine Wissenschaft?“ Andere fühlen sich während des Ramadans unwohl oder haben ein schlechtes Gewissen, in der Gegenwart des fastenden Muslims ihr eigenes Essen zu genießen. Sollte man ihn „zu seinem eigenen Schutz“ am besten nicht mehr einladen? Und der vegetarische Kollege muss sich immer mal wieder der Frage stellen, ob seine Ernährungsweise nicht ungesund sei.

Toleranz ist gefordert

Die Unterschiedlichkeit und Vielfalt zwischen uns auszuhalten ist im konkreten Alltag oftmals gar nicht so einfach, wie wir uns das vorstellen. Hier am Mittagstisch der Kolleginnen und Kollegen ist von jedem und jeder Einzelnen auf unterschiedliche Weise Toleranz gefordert. Das bedeutet etwa den Verzicht darauf, andere von den „richtigen“ Speisegeboten oder dem „wahren Glauben“ überzeugen zu wollen. Es heißt auch, die fastende oder vegetarisch lebende Kollegin nicht in einen Rechtfertigungszwang zu bringen. Die Mehrheitsgesellschaft muss aushalten, dass religiöse Rituale für andere Bindung und Identität bedeuten – auch wenn man selbst keinen Bezug dazu hat. Und der strenggläubige Mitarbeiter muss ertragen, dass andere am Tisch Witze über Religion machen, Schweinefleisch essen oder Alkohol trinken – solange dies respektvoll geschieht und seine Grenzen nicht verletzt werden.

Gute Kommunikation hilft, die Unterschiedlichkeit auszuhalten

Vielleicht gibt es aber auch eine konstruktive Lösung, die über Verbote, Ausschluss oder pures Erdulden hinausgeht – nämlich durch eine gute Kommunikation. Die Kantinenleitung führt ein „Ampelsystem“ ein.

Besteck und Pfannen für vegetarische bzw. halal Gerichte werden farblich markiert und strikt getrennt gespült, Zutaten hängen digital aus. Der fastende Kollege erklärt: „Ich sitze gerne bei euch, der Geruch stört mich nicht. Bitte esst ganz normal!“ Das nimmt die Anspannung aus der Situation. Und vielleicht kann das Team seine Tradition ja auch flexibel handhaben: Im Ramadan wird das Essen gelegentlich auf den Abend verschoben, um ein gemeinsames Fastenbrechen (Iftar) daraus zu machen. So wird aus dem Aushalten eine Bereicherung!

Die Unterschiedlichkeit unter uns Menschen auszuhalten, ist nicht immer einfach. Das merkt jedes Team und jede Dienstgruppe. Es ist gut, wenn wir nicht in einem einfachen Schema von richtig/falsch oder schwarz/weiß stecken bleiben. Es ist wertvoll, wenn wir neugierig auf das Anderssein der Anderen werden – auch wenn es uns zunächst fremd erscheint. Und der Schlüssel dazu ist eine offene und wertschätzende Kommunikation.

Pfingsten: Menschen verstehen sich

Als evangelischer Seelsorger muss ich dabei auch an das christliche Pfingstfest denken, das wir kürzlich gefeiert haben. Es erzählt von Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Kulturen kommen, ganz unterschiedliche Sprachen sprechen – und sich dennoch gegenseitig verstehen können.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Anderssein anderer Menschen als Bereicherung erleben können – immer wieder!

Ihr Michael Grimm
Polizeiseelsorger in Westhessen und Rheinland-Pfalz