Foto zeigt eine brauen auf einer menschlichen Handfläche Pixabay

Besser eine Hand voll Ruhe …

Geistlicher Impuls für September 2026

von Landespolizeipfarrer Dr. Michael Grimm


„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach dem Wind.“
Prediger Salomo (Buch Kohelet), Kapitel 4, Vers 6


Ich bin immer wieder fasziniert, wie mehr als zweitausend Jahre alte Texte der Bibel es schaffen, in unseren heutigen Alltag zu sprechen, uns nachdenklich zu machen und Orientierung zu geben. Der Monatsspruch für den September steht im alttestamentlichen Buch des Predigers und lautet: „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach dem Wind.

Alles im Griff haben wollen – aber oft bleibt ein Gefühl von Erschöpfung

Geballten Fäusten begegnen Polizeibeamt*innen in ihrem Dienst immer wieder – bei Tätern, in der Aggression auf der Straße oder bei politischen Demonstrationen. Nicht wenige Opfer ballen die Faust in der Tasche aus Wut über das Unrecht, das ihnen angetan worden ist. Und auch Polizist*innen selbst müssen manchmal die Faust ballen, um Herr der Lage zu bleiben oder um sich selbst zu schützen. Die geballte Faust steht für Kampf, Daueranspannung und für das Gefühl: „Ich muss alles im Griff haben.“

Das Bibelwort spricht nicht nur von einer, sondern von zwei geballten Fäusten, „voll mit Mühe“. Polizeibeamt*innen werden an dieser Stelle möglicherweise an ihre Überstunden denken, an unbearbeitete Aktenberge oder an die Last großer Einsätze. Die kann man am Dienstende nicht einfach abstreifen, sondern nimmt sie gedanklich mit nach Hause. Am Ende bleibt manchmal ein Gefühl von Erschöpfung – wie Wind, den man vergeblich versucht mit den Händen zu „haschen“.

Exakt dieses Gefühl der Überlastung scheint der Bibelvers aus dem Buch des Predigers zu beschreiben.

Die offene Hand fühlt und empfängt

Die vorgeschlagene Alternative des Bibeltextes lautet: Eine Faust zu öffnen und diese Hand mit Ruhe zu füllen.

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um Dienst nach Vorschrift oder gar um eine Vernachlässigung der Dienstpflichten, die nach dem Beamtenstatusgesetz (§ 34 Abs. 1 Satz 1) mit vollem Einsatz zu erfüllen sind. In dem hier beschriebenen Bild bleibt eine Hand ja aktiv. Sie packt an, schreibt Protokolle, schützt Bürger und greift ein.

Aber die andere Hand bleibt offen. Eine offene Hand kann wahrnehmen, fühlen und empfangen. Sie symbolisiert die dringende Notwendigkeit, in aller Aktivität nicht auf Dauer die eigene Mitte zu verlieren. Im Einsatz ist diese Fähigkeit von großer Bedeutung, um wohlüberlegt zu handeln. Und danach steht die offene Hand für die Pausen, in denen man als Polizist*in – und auch als Polizeiseelsorger*in! – eben nicht die Welt retten muss.

Gott die Hand hinhalten

Um im Polizeidienst dauerhaft resilient und mental gesund zu bleiben, braucht es die Fähigkeit und die Gelegenheit, immer wieder eine Hand zu öffnen und – welch schönes Bild! – „mit Ruhe zu füllen“. Es ist die Aufgabe jedes einzelnen herauszufinden, was das für ihn oder sie bedeutet. Zugleich steht aber auch der Dienstherr in der Fürsorgepflicht, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.

Eins ist sicher: Gott fordert von uns keine dauerhaft geballten Fäuste. Er weiß, dass wir keine Maschinen sind, sondern Menschen. Gott lädt uns ein, die Fäuste zu öffnen und ihm den Stress, die Ohnmacht und die schweren Bilder des Dienstes hinzuhalten.  Wir können ihn auch bitten, dass er uns die Weisheit schenkt zu erkennen, wann wir anpacken müssen und wann wir wieder loslassen dürfen. Dann kann Gott unsere offene Hand mit seiner Ruhe füllen.

Ihr Michael Grimm
Polizeiseelsorger in Westhessen und Rheinland-Pfalz