Geistlicher Impuls für März 2025
„Du sollst den Fremden wie einen Einheimischen lieben!“
Bibel fordert, auch Fremde zu lieben
Kategorie: Impulse
Quelle: Polizeipfarramt der EKHN
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von Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel
„Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt. Und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde gewesen im Land Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (3. Mose Kapitel 19, Verse 33 – 34. Ökumenischer Monatsspruch für März 2025)
Die Bibel fordert Liebe zu allen Mitmenschen
Die Bibel ist eindeutig und sehr klar: Sie erwartet von den Menschen eine persönliche Grundhaltung der Liebe.
Wem die biblische Botschaft etwas sagt, der oder die muss etwas von Gottes Heiligkeit auf Erden repräsentieren. Es geht um eine innere Haltung, die sich nach außen in Liebe zu anderen zeigt. Die alten Verse fordern ein solidarisches Miteinander: Andere sollen und dürfen aufgrund ihrer Bedürftigkeit nicht benachteiligt werden.
„Nächstenliebe“ gilt den Leuten, die nahestehen, den Nächsten eben: Geschwistern, Kindern der eigenen Familien, den eigenen Alten, Menschen, die schon immer dazu gehören. Dem eigenen Volk.
Doch Liebe gilt auch „Fremden“. Zwar bezeichnet die Bibel hier „Fremde“ nicht als „Nächste“. Aber der Umgang mit den Nächsten und der Umgang mit den Fremden – die sollen sich gleichen. In beiden Fällen läuft die göttliche Anweisung auf den Halbsatz hinaus: „Lieben wie dich selbst“.
Der nächste und der fremde Mensch – er oder sie ist ein Mensch mit Bedürfnissen und Fähigkeiten, mit Nöten und Einschränkungen, mit Unzulänglichkeiten und Begabungen. Ein Charakter und Individuum. Ein Mensch also wie du und ich. Fremdheit gibt es. Aber als einem mir gleichenden Menschen soll ich ihm in Solidarität und mit Freundlichkeit und in Liebe begegnen: „Du sollst ihn lieben wie dich selbst!“ *
Die aktuelle Debatte um Migration und Fremde und Gewalttaten
Die sogenannte Migrationsdebatte hat den zu Ende gegangenen Wahlkampf lange Zeit bestimmt. Gefühle von Unsicherheit und Überforderung wurden mit Fremdem verbunden und sind nach den schrecklichen Attentaten von Magdeburg und Aschaffenburg verstärkt aufgetaucht.
Doch man muss festhalten: Geflüchtete und Migrant:innen sind nicht krimineller oder gewaltbereiter als andere. Die Traumatisierung ist potentiell stärker und eine Chance auf Behandlung schlecht. Umgekehrt und wissenschaftlich betrachtet gilt: Geflüchtete und Migranten so wie psychisch Geschädigte müssen eher fürchten, selbst Opfer von Gewalttaten zu werden. Gut nachzuvollziehende Veröffentlichungen weisen auch öffentlich darauf hin.
Liebe gegen Angstmacherei
Gewalttätig werden, so sehen es die Fachleute, können Menschen, die an Psychosen und einer Suchtproblematik leiden. Aber eben auch nur zu einem geringfügigen Anteil. Wollen wir also bitte bei den Fakten bleiben, können wir der Angstmacherei Einhalt gebieten? Wo bleibt da die Liebe?
Der Kontakt zu Fremden ist im öffentlichen Raum häufig durch Misstrauen geprägt, manchmal auch von Mitgefühl, wenn beispielsweise polizeiliche Maßnahmen Zwangsarbeit oder Zwangsprostitution aufdecken. In Arbeitszusammenhängen sind Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte aufeinander angewiesen. Sie sind dankbar füreinander. Ist das schon Liebe?
Menschenfreundlichkeit, Menschlichkeit ist gemeint, Wohlwollen – auch ohne emotionale Zuneigung. Einfach das Interesse daran, dass es anderen (auch) gut gehen möge. Ja, das ist Liebe.
Droht Liebe verloren zu gehen? Zählt nur noch das Ich, das Ego? Wie kurzsichtig!
„Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Das hat der deutsch-jüdische Philosoph Martin Buber (1878 - 1965) einmal formuliert. Ohne „fremde“ Impulse, ohne Anstöße von außen entwickelt sich der Mensch nicht weiter.
Die biblischen Gebote der Menschlichkeit ernst nehmen
Politisch geht es einerseits um die Begrenzung von Einreisen und Verteilung von Schutzsuchenden, andererseits um die Einladung und Gewinnung von Fachkräften. Wird auch hier nur der eigene Vorteil gesucht?
Seit 2014 sind zehntausende Menschen im Mittelmeer auf ihrer Flucht ertrunken oder vermisst. Push-Backs werden öffentlich bekannt. Auffanglager sind an den Außengrenzen der EU eingerichtet. Nein, mit der bestehenden Asylpolitik werden weltweite Probleme nicht gelöst, Fluchtursachen nicht behoben.
Wir sollten biblische Gebote ernst nehmen, die aufgeschrieben wurden, weil eine kollektive, bittere Erfahrung dahintersteckt. Wie die des Holocaust, der der Anlass für das Grundrecht auf Asyl im deutschen Grundgesetzt ist.
Auch in Zeiten einer globalisierten Welt, gilt: Leben heiligen, Gott heiligen, das ist unsere erdumspannende, ökumenische Pflicht. Sie entspringt der Menschenliebe Gottes für alle. Daran werden wir Menschen gemessen werden.
* Danke an Anna Förg und die bei ihr zitierten Quellen in „Predigtmeditationen aus Württemberg“.
Siehe dazu Hessenschau, 5.2.2025: Psychisch erkrankte Geflüchtete – wie werden sie in Hessen versorgt?